22. Juli 2015

#12 Todo-Listen beerdigen? Nein!

Ein um sich greifendes Phänomen des Internets und der Möglichkeiten in sozialen Netzwerken zu verlinken, zu posten und zu kommentieren ist das, was ich jetzt mal „Bullshit-Value-Creation“ nenne.  Autoren greifen bestehende Konzepte auf, kommentieren diese, modifizieren diese, kritisieren sie. Und oft ist das auch fruchtbar. Über diesen Artikel jedoch musste ich mich fast ein wenig ärgern. Er liefert nämlich null Mehrwert und gibt sogar falsche Hinweise. – Versierte und bewährte Autoren wie Brian Tracey verstehen es, bestehende fremde und eigene Konzept zum Thema Produktivität immer wieder neu und gewinnbringend zu re-definieren. Die Empfehlung aus besagtem Artikel jedoch, sich von Todo-Listen zu verabschieden und anstatt sie Stück für Stück abzuarbeiten sich auf seine Aufmerksamkeit und Konzentration zu verlassen, bewerte ich im Kontext heutiger Anforderungen als fast fahrlässig. 

Hier ein paar Hinweise dazu, wie ich die Thematik sehe:

Ich hatte das Glück, für eine Weile von Dan Johnston zum Thema Produktivität gecoacht zu werden. Er machte mich darauf aufmerksam, dass man unterscheiden müsse zwischen „entrepreneurial“ und „corporate“, wenn es um das Thema „Getting Things Done“, also Produktivität, gehe. Er zitierte Tim Ferris in dem Punkt, dass jener einmal sagte, dass es – und darauf beruht quasi sein ganzes Managementkonzept –  jeden Tag immer etwa 1-2 Dinge sind, die Geld in Deine Tasche bringen, wenn Du Unternehmer bist. Diese Dinge musst Du jeden Tag unbedingt ausführen und zu Ende bringen. Das ist ein sehr unternehmerischer Ansatz, also „entrepreneurial“. Eher „corporate“ und daher auf große Organisationen bezogen sah Dan den Ansatz von David Ellen, wo es darum geht, viele von einander abhängige oder konfligierende Tasks zu ordnen und dann Stück für Stück abzuarbeiten. Das Gespräch mit Dan ist nun eine Weile her und ich sage Ihnen, wie ich es mache: ich verwende beide Konzepte, denn beide haben in meiner Arbeit ihre Berechtigung: ich fokussiere mich zunächst auf die wichtigen Dinge, die verkaufsbezogen grundlegend und relevant sind und mache sie jeden Tag so schnell und akkurat, wie möglich. Alle komplexeren Tasks – und davon gibt es einige – auch oder gerade beim Aufbau einer Beratungsmarke – splitte ich in Teilschritte auf, die ich in Form von Todo-Listen auf Papier oder in Wunderlist, respektive Omnifocus erst aufnotiere, dann organisiere und dann nach ihrer Erledigung schließlich abhake. In diesem Fall greift der Grundgedanke von David Ellen: Es ist wichtig, alles außerhalb des Kopfes aufzubewahren, was wichtig ist. Denn sonst hat man nicht genug Kapazität für die inhaltlichen, komplexeren Themen.  Der aufmerksame Leser hat schon bemerkt , wie sich beide Prinzipien, das „unternehmerische“ („entrepreneurial“) und das „betriebliche“ („corporate“) gegenseitig ergänzen und sich für unterschiedliche Tasks und Herausforderungen eignen. Dass Aufmerksamkeit, Meditation und Achtsamkeit Ihren strukturierten Arbeitsablauf unterstützen und ermöglichen, daran besteht kein Zweifel. Gleichermaßen ist es wichtig, die länge der zu erledigenden Tasks realistisch abzuschätzen, denn man verschätzt sich meist und plant optimistisch zu wenig Zeit ein. Kleiner Exkurs: Sozialpsychologische Studien haben gezeigt, dass es hilft, sich darüber Gedanken zu machen, wie lange eine andere Person für den Tasks brauchen würde, um die benötigte Zeit realistischer einzuschätzen. – Aber zurück zum Thema: dagegen, dass ToDo-Listen sinnlos sind, dagegen wehre ich mich, wie gesagt. 

Ein letzter Gedanke noch zur Thematik: Voss und Pongratz sahen ihn kommen, den Arbeitskraftunternehmer. Und er ist jetzt Wirklichkeit geworden. Deshalb ist es so, dass auch in Nicht-Start-up-Betrieben und Großunternehmen unternehmerisches und rein verwaltendes Handeln automatisch verschwimmen. Gerade in der „entgrenzten“ Welt, in der wir leben. Huch. Also: keine Zeit für Bullshit-Value-Kreation. Für Intrapreneure schon. Amen. – „And yes, I recognise the irony…“

Autor: Riadh Brisam

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